Über positive oder negative Annahmen gibt es noch recht wenig in der Literatur. Aber für den Spielplan haben sie trotzdem einen wichtigen Stellenwert. Deshalb hier mal ein typisches Beispiel mit interessanter Reizung und spannendem Spielplan!
Wir spielen Teamturnier und Nord und Süd sind in Gefahr. West, Nord und Ost haben bereits gepasst. Der Südspieler schaut auf sein Blatt und ist seit Aufnahme der Karten am Rätseln: „Was eröffne ich in vierter Hand mit stehender 7er-Pik und drei Doubles daneben?
Für eine 2♣️-Eröffnung habe ich zu wenig Spielstiche: Mit Einfärber in Oberfarbe bräuchte ich 8-8,5 Spielstiche, ich habe höchstens 7,5. Trotz der ungünstigen Gefahrenlage: Meine stehenden ♠️ könnten nicht besser sein. In erster Hand wäre es mit meinen 14F/17FL wichtig, herauszubekommen, ob Partnerin etwas mitbringt, damit wir vielleicht einen Schlemm finden. Das spräche eindeutig gegen eine 4♠️-Sperreröffnung (für eine Sperre wäre 13F die äußerste Obergrenze: „starke Hände langsam reizen!“). Andererseits sind meine Nebenfarben „schwach genug“, um zu sperren („keine zwei Asse, keine zwei Erstrundenkontrollen, höchstens ein Ass oder König in den Nebenfarben“).
Aber jetzt bin ich in vierter Hand, meine Partnerin hat keine 12F, Schlemm wird da nichts. Wenn ich langsam anfange, wachen vielleicht die Gegner auf und finden ein ♥️-Vollspiel. Also ran! Insbesondere im Teamturnier locken die 4♥️ umso mehr. Denn die 12 IMP für ein Vollspiel in Gefahr sind schon sehr reizvoll! Also ziehe ich die 4♠️ aus der Bietbox!“
…und die drei anderen passen.
West spielt den ♣️-König aus (höchstwahrscheinlich von der Sequenz K-D)! Vom Dummy ordern wir die 8. Ost markiert positiv (je nachdem: hoch positiv mit der 10 oder niedrig positiv mit der 2). Also hat Ost das ♣️-Ass!
Für mich als Alleinspieler ist der Dummy natürlich ernüchternd: nur ein sicherer Stich!
Auch West hat erkannt, dass sein Partner das ♣️-A hält. Das verschafft einen guten Übergang, damit Ost durch die Hand des Alleinspielers spielen kann. Mehr als zwei ♣️ Stiche haben die Gegner O/W ohnehin nicht zu erwarten, die dritte Runde würde am Dummy geschnappt. West sieht, dass der Alleinspieler die starke Hand hält und möchte, dass Ost durch die starke Hand zur Schwäche des Tisches spielt; ♥️ erscheint vielversprechend. Also spielt West kleines ♣️.
Den Stich gewinnt Ost mit dem ♣️-A und spielt tatsächlich die ♥️-5 nach (nach rechts in die Schwäche)! Was nun, Alleinspieler?
In solchen Situationen gilt folgende Grundregel: Ist ein Kontrakt gut, sollte man stets überlegen: Was kann schiefgehen („negative assumption“), und auf Sicherheit spielen.
Ist ein Kontrakt schlecht, so muss man hingegen überlegen: Was für ein "Traumstand" der Karten lässt den Kontrakt erfüllen („positive assumption“)?
Diese Hand hier ist ein klassisches Beispiel für eine "positive assumption", denn der Kontrakt ist schlecht! Süd zählt 4-5 Verlierer in seinem Blatt! 1-2 Verlierer in ♥️, 1 in ♦️ und die beiden ♣️-Verlierer sind ja schon weg.
Jetzt stellt sich für Süd bereits die entscheidende Frage: „Decke ich die ♥️-5 mit dem Buben oder dem König?“ Was weiß Süd? Das ♥️-A ist ein unvermeidbarer Verlierer! Sitzt ♦️-K nicht bei West im Schnitt, geht der Kontrakt mit Sicherheit baden. Sitzt er aber im Schnitt, dann werde ich den ♦️-Verlierer vermeiden.
Die positive assumption muss demnach lauten: Der ♦️-K muss bei West sitzen, damit ich erfolgreich sein kann!
Aber jetzt heißt es weiterdenken: Was hat diese Erkenntnis zur Folge?
Wenn West ♣️-K und ♣️-D hat (das weiß ich wegen des Ausspiels) sowie den ♦️-K (das hoffe und erwarte ich), dann kann er nicht auch noch das ♥️-A halten, denn mit diesen 12F hätte er doch sicherlich eröffnet! Fazit: Ost hat die ♥️-5 unter seinem ♥️-A gespielt (darf man beim Erstausspiel nicht machen, während des Spiels ist das aber durchaus in Ordnung!). Also muss ich sofort den ♥️-König nehmen, kann auf den ♦️-K schneiden und gebe nur noch den ♥️-B ab!
Kontrakt erfüllt!
